Schnell wurde es Zeit zum Abendbrot im Jugendgästehaus (JGH) und alle Freunde hatten beschlossen, ein wenig zu essen.
Um 9 Uhr trafen sich dann alle in einem Zimmer. Marc schlug vor, eine Geschichte aus dem Buch, das er mitgenommen hatte, vorzulesen. Das fand Zustimmung und so fing er an:
Jack war ein junger Engländer, der Urlaub in der schönen Stadt Münster machte. Er war jedoch schnell von seinem Hotel gelangweilt. Es war noch nicht ganz Zeit, um Abendbrot zu essen. So beschloss Jack, ein wenig am nahe liegenden Strand entlang zu schlendern. Nach kurzer Zeit traf er auf zwei kleine, an Land gezogene Fischerboote. Die Netze hingen an den Seiten heraus. Jack nahm eines der Boote genauer unter die Lupe. Im Heck des kleinen, blauen Ruderbootes entdeckte er eine Seekarte, die unter das Holz geklemmt war. Neugierig holte er sie hervor. Sie war alt und verschlissen, doch noch ganz gut zu lesen. Jack suchte die Stelle des Strandes, an der er sich befand. Dabei fiel sein Blick auf eine kleine, nur 10 Seemeilen von ihm entfernte Insel. "Die Todesinsel" entzifferte er mühsam. - Komischer Name!
"He! Was machen sie da?!"
Die Kinder, die Marc aufmerksam zugehört hatten, erschraken kurz, dann las Marc weiter: Aus dem anderen Fischerboot rappelte sich ein alter Fischer auf, der scheinbar auf dem Boden seines Bootes ein kleines Nickerchen gehalten hatte.
"Entschuldigen Sie, ich habe mir nur die Karte hier angesehen. Ich hoffe, ich habe sie nicht geweckt?"
"Dumme Frage!"" sagte der Seemann, rappelte sich auf und setzte sich ächzend auf einen Spanten.
"Nicht mal hier hat man seine Ruhe." Jetzt nahm er Marc genauer ins Visier. "Auch einer der Touristen" he?
"In der Tat. Allerdings ein ziemlich gelangweilter."
Der Seemann begann seine Pfeife zu stopfen.
"Sagen Sie", sagte Jack und zeigte auf die Karte. "Was hat das mit dieser Todesinsel auf sich?"
Der Fischer hielt inne, kniff misstrauisch die Augen zusammen und zündete seine Pfeife an.
"Da bleiben Sie mal besser weg, sie Landratte!", meinte er und kratzte sich am Hals. "Warum?", hakte Jack neugierig nach. Doch der Seemann schwieg wie ein Grab.
Erst als Jack in dem zweiten Boot (in das er sich gesetzt hatte) eine volle Schnapsflasche entdeckte, wendete sich das Blatt. Der Seemann trank die Flasche in rasanter Zeit fast leer und entsprechend offener wurde er auf Jacks Fragen.
"Also, noch einmal! Was ist los mit der Todesinsel?", fragte Jack erneut.
"Ach, keine schönen Geschichten -hicks- , die man von der Todesinsel hört!" Er nahm einen weiteren großen Schluck und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab.
"Da sind schon viele Leute auf gaaaanz mysteriöse -hicks- Weise verschwunden! Wollten den Schatz finden! Verschwunden! Spuuuurlos! Als ob Neptun sie sich gegriffen hätte..."
"Was für Leute?", fragte Jack mit großen Augen. "Naaa, solche jungen Burschen wie du, die wollten alle den Schatz!"
"Welchen Schatz?", Jacks Herz schlug schneller. Der Fischer hatte den letzten Schluck aus seiner Flasche getrunken.
"Mistding! Schon leer?!" Verärgert warf er die Flasche nach hinten, so dass sie im Meer landete.
"Jaaa, 'n Schatz! Hast ganz richtig gehört! Unglaublich viele Diamanten und, und ... Gold und all so'n Glitzerkram!"
"In Echt?"
"So wahr ich hier -hicks- sitze! Aber ich warne dich! Keiner der Verrückten, die selber auf die Insel gefahren sind, um den Schatz zu finden, sind jemals zurückgekommen! Keeeiiiner!!" Er riss beim Sprechen die Augen weit auf und Jack hatte Bedenken, dass sie ihm herausfielen.
"Wie komme ich hinüber?"
Der Seemann legte sich zurück in sein Boot und zog sich seine Mütze ins Gesicht. "Wenn dir jemand hilft", dann ist es der alte Nikolas Flakonias. Ein armer Irrer! Genauso wie du!"
"Wo finde ich ihn?" Der Seemann zeigte am Ufer entlang in Richtung Süden. "Immer der Nase nach. Sitzt immer vor seiner alten Hütte zu dieser Zeit."
Jack stand auf. "Vielen Dank! Auf Wiedersehen!"
"Auf Wiedersehen? Wenn du darüber fährst, bestimmt nicht! Aber viel Glück!" "Danke."
Jack machte sich auf den Weg zu Nikolas Flakonias. Er musste eine gute halbe Stunde am Strand laufen, bis er auf die alte Fischerhütte von Flakonias traf. Er hatte inzwischen die feinere Gegend um die Jugendherberge verlassen. Die Hütte sah wirklich alt aus, recht schäbig, doch wenn man genauer hinsah, merkte man, dass alles gar nicht so instabil war, wie es auf den ersten Blick schien. Vor der Hütte, zum Sonnenuntergang gewandt, saß der alte Nikolas Flakonias auf einer Bank. Er hatte die Augen geschlossen und Jack war sich nicht so sicher, ob er vielleicht schlief.
"Mmmh, entschuldigen Sie?" Zu Jacks Überraschung war Flakonias sofort wach.
"Kann ich Ihnen weiterhelfen?", fragte er mit einem freundlichen Lächeln auf seinem hageren Gesicht.
"Das hoffe ich. Sind Sie Nikolas Flakonias?"
"Genau der. Was haben Sie für ein Problem" dass Sie zu einem verrückten" alten Mann wie mir kommen?
"Ich möchte hinüber auf die Todesinsel!"
Ein Ruck ging durch Flakonias Körper. "Tatsächlich?" Jack nickte bestätigend.
"Du weißt, dass noch niemand, der sich dort auf Schatzsuche begeben hat, zurückgekommen ist, oder?"
"Ja, davon habe ich schon gehört."
"Die Leute hier erzählen schon seit Hunderten von Jahren, dass die Insel verflucht ist - aber wenn du mich fragst..."
"Ja?" Flakonias schüttelte den Kopf. "Verflucht bestimmt nicht - nur sehr gut bewacht!"
"Von wem bewacht?" "Wenn man das wüsste!"
"Fahren sie mich hinüber?" "Mit 1000 Drachmen bist du dabei! Aber ich setze keinen Fuß auf die Insel, das sage ich dir!"
Jack zuckte mit den Schultern. "Müssen sie ja auch nicht."
"Morgen früh bei Sonnenaufgang warte ich hier mit meinem Boot auf dich."
"Bis dann!" Jack machte sich auf den Heimweg. Etwas beunruhigt war er schon, dass niemand von der Insel wiedergekehrt war, doch er war einfach zu neugierig, als dass er gekniffen hätte.
Als Jack sich am nächsten Morgen noch ziemlich früh der Hütte Flakonias näherte, winkte dieser ihn schon aufgeregt aus seinem Boot herbei. "Beeilung! Wir dürfen nicht gesehen werden!" "Was?"
"Es ist verboten, zur Todesinsel zu fahren!"
"Na, dann los!" Jack stieg in Flakonios kleines Motorboot ein und sofort flitzten sie los in Richtung Todesinsel.
Die Todesinsel war schon gut zu sehen, als Jack fragte: "Mhhhm, und wie komme ich zurück?"
Flakonias lachte: "Für den Fall, dass du wirklich noch lebst, komme ich morgen früh wieder vorbei. Hauptsache ist, dass du am Strand sichtbar bist. Ich fahre einmal um die Insel herum." "Okay!"
Wenig später stoppte Flakonias im seichten Wasser vor der Insel die Motoren. Jack stieg aus und watete durch das hüfttiefe Wasser zum Strand. "Viel Glück", rief Flakonias und fuhr davon. Jack ging über das kleine Stück Strand auf dichtes Buschwerk zu.
Langsam war die Sonne aufgegangen. Jack schob vorsichtig ein paar Zweige zur Seite und entdeckte zwischen den hohen Bäumen und Büschen einen schmalen, verwucherten Pfad. Diesen ging er entlang. Nach ein paar Minuten endete der Pfad an einem großen Busch mit bunten Blättern. Jack wusste nicht so recht, was er tun sollte und kletterte einfach mitten durch den Busch hindurch. Auf der anderen Seite musste er sich erst mal ungläubig die Augen reiben. Er stand vor drei großen Tunnelöffnungen. Vor ihm auf dem Boden lag eine dicke Steinplatte. Darauf war etwas eingemeißelt:
Gehst du in Tunnel eins?
Gehst du in Tunnel zwei?
Gehst du in Tunnel drei?